
SAP Public Cloud Einführung: Die 5 größten Fehler und wie Sie sie vermeiden
Warum SAP Public Cloud Projekte scheitern: Erfahrungen aus Kundensicht, Beratersicht und von SAP.
Viele Unternehmen starten mit großen Erwartungen in die SAP Public Cloud Einführung: schneller, standardisierter, effizienter. Auf dem Papier wirkt der Weg klar strukturiert. In der Realität zeigt sich jedoch schnell, dass erfolgreiche Projekte nicht durch Technologie allein entstehen, sondern durch klare Entscheidungen, realistische Erwartungen und den richtigen Umgang mit Veränderung.
Dieser Blogartikel richtet sich an CIOs, IT-Leitungen, Fachbereiche und Projektverantwortliche im Mittelstand, die eine SAP-Transformation planen oder bereits mitten in der Umsetzung stehen.
Er ist eng verbunden mit einer Panel-Diskussion, die wir im Rahmen unseres Events „Court & Cloud“ am 22. Januar gehört haben. Mit dabei waren Amna Malik, die eine SAP Cloud Migration bei der Karl Schmidt Spedition verantwortet hat; Johannes Schwager, Consulting Manager bei SAP und Felix Sander, Head of Solution Advisory & Consulting bei Axians.
In diesem Beitrag fassen wir die fünf häufigsten Herausforderungen zusammen, die Unternehmen auf dem Weg in die Cloud begegnen und warum sie in der Praxis so oft auftreten.
1. Fehler: In den Standard gehen ohne Veränderung zu wollen.
Warum „Standard“ nicht „ohne Anpassungen“ bedeutet
Viele Unternehmen starten mit der Erwartung: „Wir gehen in den Standard – das wird einfacher.“ Und ja, standardisierte Prozesse sind ein zentraler Vorteil der Public Cloud. Aber Standard bedeutet nicht automatisch, dass bestehende Prozesse unverändert übernommen werden können.
In der Praxis zeigt sich schnell:
- Unterschiedliche Abteilungen haben unterschiedliche Prioritäten.
- Prozesse müssen end-to-end gedacht werden – nicht nur innerhalb einzelner Bereiche.
- Gewohnte Arbeitsweisen passen oft nicht eins zu eins zum neuen System.
Wichtig ist deshalb ein Perspektivenwechsel:
Standard heißt nicht Verzicht auf Individualität, sondern bewusste Vereinfachung. Konfigurationen, kundeneigene Felder oder kleinere Erweiterungen gehören weiterhin dazu. Entscheidend ist, dass der Kern des Systems sauber bleibt.
Unser Praxis-Tipp:
Die entscheidende Frage lautet nicht „Wie bauen wir das Alte nach?“, sondern „Welche Prozesse sind wirklich notwendig?“

2. Fehler: Die Flexibilität der Public Cloud wird unterschätzt.
Ein ebenso verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dass die Public Cloud zwangsläufig zu Einschränkungen führt. Aussagen wie „Das geht in der Cloud nicht“ sind in vielen frühen Projektphasen zu hören. In der Praxis zeigt sich jedoch meist das Gegenteil: Die Möglichkeiten sind vorhanden, sie werden nur oft nicht richtig eingeordnet.
Heute stehen den Unternehmen zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung:
- Erweiterungen außerhalb des Core-Systems
- Entwicklung neuer Logiken auf Plattformen wie der Business Technology Platform (BTP)
- Einfacher und strukturierter Datenaustausch bei Erweiterungen wie der BDC
Der große Vorteil: Updates halten das System stabil, Innovationen werden schneller nutzbar, und die Umgebung bleibt langfristig wartbar.
Typisch ist, dass Unternehmen zunächst versuchen, neue Anforderungen genau dort zu lösen, wo sie es aus der Vergangenheit gewohnt sind: im ERP selbst. Dadurch entsteht unnötige Komplexität oder es werden Möglichkeiten vorschnell verworfen.
Das eigentliche Thema ist daher weniger die Technik, sondern das Mindset:
Nicht alles muss im ERP-Kern stattfinden. Moderne ERP-Architektur denkt modular.

3. Fehler: Die Discovery Phase bei der SAP Public Cloud Einführung wird übereilt.
Fit-to-Standard statt Fit-to-Gap
Ein weiterer kritischer Punkt liegt ganz am Anfang vieler Projekte: der Discovery-Phase. Obwohl sie die Grundlage für alle weiteren Schritte bildet, wird sie häufig zu schnell abgeschlossen. Der Druck, „endlich ins Projekt zu kommen“, führt dazu, dass Analysen verkürzt und Entscheidungen vorschnell getroffen werden.
Typische Fehler:
- Scope wird zu schnell definiert
- Prozesse werden nur oberflächlich betrachtet
- Schnittstellen oder Sonderfälle werden zu spät erkannt
Unsere Erfahrung zeigt: Eine intensivere Vorprojektphase lohnt sich fast immer. Wer früh sauber analysiert, spart später Aufwand, Change Requests und Diskussionen.
Ein Beispiel: Ein Produktionsunternehmen definierte seinen Projektumfang in wenigen Workshops. Erst während der Umsetzungsphase wurde deutlich, dass zentrale Integrationen fehlten. Die notwendige Nacharbeit führte nicht nur zu Verzögerungen, sondern auch zu zusätzlichen Kosten und internen Abstimmungsrunden.
Gleichzeitig verschiebt sich die Methodik:
- Früher: Fit-to-Gap → System wird an bestehende Prozesse angepasst
- Heute: Fit-to-Standard → Unternehmen orientieren sich an Best Practices
Das bedeutet nicht Blindflug, sondern bewusste Transformation.
Unser Praxis-Tipp:
Mit dem Axians Discovery Assessment holt man aus der Discovery Phase mehr heraus, als mit einem üblichen Workshop. Analysieren sie sauber alle Prozesse und starten Sie das Projekt erst, wenn Sie wissen, wohin die Reise gehen soll.
4. Fehler: Das Ressourcenproblem: Projekt vs. Tagesgeschäft
Was passiert, wenn Ressourcen fehlen?
Selbst die beste Planung stößt an ihre Grenzen, wenn die nötigen Ressourcen nicht verfügbar sind. Genau hier liegt einer der häufigsten, aber gleichzeitig am meisten unterschätzten Erfolgsfaktoren. ERP-Projekte laufen nie isoliert vom Tagesgeschäft.
Typische Realität:
- Schlüsselpersonen sind gleichzeitig Abteilungsleitung und Projektteam.
- Workshops kollidieren mit operativen Aufgaben.
- Entscheidungen verzögern sich.
Wenn Ressourcen fehlen, hat das direkte Folgen:
- Projektlaufzeiten verlängern sich
- Beratungskosten steigen
- Alte Systeme laufen länger parallel
- Nutzen wird später realisiert
Ein typisches Szenario: In einem Unternehmen wurden zentrale Rollen mit Abteilungsleitern besetzt, ohne sie ausreichend freizustellen. Entscheidungen verzögerten sich regelmäßig, Abstimmungen zogen sich in die Länge und das Projekt verlor zunehmend an Dynamik.
Was Projekte wirklich erfolgreich macht, ist nicht nur Planung, sondern Management Commitment.
Unser Praxis-Tipp:
Das Management muss aktiv erlauben, dass Projektarbeit zeitweise Vorrang hat. Ohne diese Entscheidung entsteht Dauerstress und das Projekt verliert an Geschwindigkeit.
5. Fehler: Nach dem Go-Live legen wir die Füße hoch.
Viele Unternehmen sehen den Go-Live als Abschluss. In Wahrheit beginnt dort erst die eigentliche Optimierungsphase.
Was nach dem Go-Live passiert:
- Prozesse stabilisieren sich erst im Alltag.
- Nutzer entdecken Verbesserungspotenziale.
- Workarounds werden schrittweise optimiert.
Die erfolgreichsten Kunden verstehen ihr ERP nicht als Projekt, sondern als kontinuierliche Entwicklung. Gerade nach dem Go-Live zeigt das Daily Business, wo noch Änderungs- und Nachholbedarf ist. Die Zeit und Ressourcen für die Bearbeitung darf nicht unterschätzt werden.
Unser Praxis-Tipp:
Planen Sie von Anfang an Ressourcen für die Zeit nach dem Go-Live ein – Prozesse wachsen mit dem Unternehmen.

Fazit: Erfolgreiche SAP Public Cloud Projekte sind vor allem Veränderungsprojekte
Die SAP Public Cloud Einführung ist heute technologisch so ausgereift wie nie zuvor. Die größten Herausforderungen liegen nicht in der Software, sondern in der Organisation selbst: in Erwartungen, Entscheidungen und der Bereitschaft zur Veränderung.
Hier liegt der Erfolgsfaktor:
- realistische Erwartungen an Standardisierung
- frühe und ehrliche Analyse
- klare Entscheidungen
- ein gemeinsames Mindset im Unternehmen
Unternehmen, die bereit sind, ihre Prozesse neu zu denken, sich frühzeitig Klarheit zu verschaffen und konsequent zu priorisieren, schaffen die Grundlage für eine stabile und zukunftsfähige ERP-Landschaft. Die Cloud ist dabei kein Risiko – sondern eine Chance, wenn sie richtig genutzt wird.
Wenn Sie morgen starten
Wenn Sie heute am Anfang stehen, helfen oft schon wenige klare Schritte, um die richtigen Weichen zu stellen: Verstehen Sie, was Standard in Ihrem Kontext bedeutet. Nehmen Sie sich bewusst Zeit für die Analyse Ihrer Prozesse. Stellen Sie sicher, dass die richtigen Menschen die nötige Zeit haben, um Entscheidungen zu treffen. Und planen Sie den Weg nach dem Go-Live von Anfang an mit.
Hören Sie die gesamte Live-Diskussion:
Sie möchten noch tiefer in das Thema einsteigen und praxisnahe Einblicke erhalten? Hören Sie jetzt unsere aktuelle Podcastfolge Blueprint ERP mit einer spannenden Live-Paneldiskussion! Dort diskutieren Expert:innen und Anwender:innen über Herausforderungen und Best Practices rund um erfolgreiche Public Cloud Projekte. Jetzt reinhören und wertvolle Impulse für Ihre eigene ERP-Transformation mitnehmen!